Der D-Day war der Anfang vom Ende der deutschen Nazi-Besatzung Westeuropas. Am 6. Juni 1944, in den frühen Morgenstunden eines grauen und unruhigen Tages, landeten alliierte Truppen an fünf Strandabschnitten der Normandie: Utah, Omaha, Gold, Juno und Sword. Was heute in der Rückschau wie ein festes historisches Datum erscheint, war damals ein Wagnis von kaum vorstellbarer Größe. Die Operation war Teil von Operation Overlord; die eigentliche Landung zur See trug den Namen Operation Neptune. Über 150.000 Soldaten wurden an diesem Tag über den Ärmelkanal gebracht, unterstützt von Tausenden Schiffen, Landungsbooten und Flugzeugen. Männer, Material, Hoffnung und Angst bewegten sich auf eine Küste zu, die für viele zum ersten Mal sichtbar wurde und für viele das Letzte blieb, was sie sahen.

In der Normandie wird diesem Tag bis heute gedacht. Nicht nur am 6. Juni selbst, sondern auch in den Tagen davor und danach. Dann verändern sich die kleinen Orte entlang der Küste. Zwischen Cafés, Hotels, Parkplätzen und Stränden tauchen historische Fahrzeuge auf, alte Jeeps, Lastwagen, Motorräder, manchmal auch Panzer. Menschen tragen Uniformen vergangener Armeen, Flugzeuge ziehen tief über das Meer, und immer wieder gibt es Momente der Stille: Kranzniederlegungen, Veteranenehrungen, kurze Ansprachen, Fahnen im Wind. Es ist keine gewöhnliche Festwoche, auch wenn sie manchmal so aussieht. Es ist ein öffentliches Erinnern, getragen von Geschichte, Ritual, touristischer Neugier und einer spürbaren Dankbarkeit gegenüber jenen, die damals an dieser Küste landeten.

In Nordrhein-Westfalen stand ein langes Wochenende an. Fronleichnam war Feiertag, und ich nahm den Freitag als Brückentag frei. Mit meinem Sohn fuhr ich für vier Tage in die Normandie. Vor 16 Jahren hatte ich das D-Day-Festival zum ersten Mal besucht. Damals fuhren wir die Strandabschnitte ab, von Ort zu Ort, von Erinnerung zu Erinnerung, und eine Faszination breitete sich in mir aus, die bis heute geblieben ist. Es war nicht nur die militärische Geschichte, nicht nur das sichtbare Gerät, nicht nur die Namen der Strände. Es war diese eigentümliche Verbindung aus Landschaft, Meer, Licht, Wind und Vergangenheit. Fotografiert habe ich das Geschehen damals mit einer Voigtländer R4M, einem 21-mm- und einem 35-mm-Objektiv, auf Ilford FP4, Kodak Tri-X und dem damaligen Beta-Film Adox APX 400, der nie zur Produktreife gelangte. Schon damals war es für mich weniger eine dokumentarische Pflichtübung als der Versuch, mich einem Ort fotografisch zu nähern, an dem Geschichte nicht abgeschlossen wirkt, sondern im Sand, im Beton, im Meer und in den Gesichtern der Menschen weiterlebt.

Assumpta, Nuria, Ben und ich.

Adox APX400
Adox APX400
Adox APX400

Bilder aus dem Jahr 2010. Aufnahmen auf dem Adox APX400, Betaware. Leider gelangte dieser Film nie zur Marktreife.

Schon im letzten Jahr versuchte ich, rund um Arromanches ein Zimmer zu buchen. Aussichtslos, denn die Hotels waren längst ausgebucht. Wir verbrachten das Wochenende deshalb in einer Pierre-et-Vacances-Residenz in der Nähe von Houlgate, wo wir als Familie schon öfter eingekehrt sind. Eine einfache Unterkunft in der Drei-Sterne-Klassifikation. Freundliches Personal, alles sauber, und unser kleines Appartement lag in einer sehr ruhigen Gegend.

Freitag und Samstag konzentrierten wir uns auf den Aufenthalt in Arromanches. Der Freitag, der 5. Juni, war dabei der spannendere Tag. Es fuhren zahlreiche historische Militärfahrzeuge durch die Orte und am Strand entlang, während viele Flugzeuge tief und in Formation über den Küstenabschnitt flogen. Am eigentlichen D-Day fand eine Zeremonie statt, die insgesamt eher langatmig und wenig berührend wirkte. Am 6. Juni traf ich die Schriftstellerin Assumpta Montella, und wir verbrachten den ganzen Tag rund um das Hotel de la Marine.

Arromanches liegt im Bereich von Gold Beach und ist deshalb bis heute ein besonders eindrücklicher Ort. Dort sieht man noch die Reste des künstlichen Hafens Mulberry B, den die Alliierten nach der Landung errichteten. Diese Betoncaissons im Meer sind nicht nur Kulisse, sondern ein technisches Denkmal: Ohne solche Nachschubstrukturen wäre die Landung militärisch kaum dauerhaft zu halten gewesen. Gerade Arromanches zeigt, dass der D-Day nicht nur aus Sturmangriffen bestand, sondern aus Logistik, Planung, Wetter, Material und unglaublicher Improvisation.

Dieses lange Wochenende, punktuell an einem Ort verbracht, dokumentierte ich mit der Leica M6 auf Kodak Portra 400, mit der Leica M11 und mit der Canon R5. Digital und wetterfest musste es ebenfalls sein, denn leider hatten wir sehr schlechtes Wetter. Sturm und die damit einhergehende Sandstrahlung in Küstennähe machten das Filmwechseln zum Abenteuer. Es regnete zeitweise kräftig, sodass hier die wetterfeste Canon besonders zur Geltung kam.

Vor Ort nutzte ich oft klassische Objektive wie das Leica Thambar und das Noctilux 50 mm f/1.2, um mich der Geschichte auch bildnerisch auf eine andere, vielleicht etwas authentischere Weise anzunähern. Mit dem Thambar bin ich in der Zeit der 1940er Jahre, mit dem Noctilux eher in den 1960er Jahren. Aber gerade dieses Unperfekte, dieses nicht klinisch Korrigierte, tat den Bildern keinen Abbruch. Im Gegenteil: Es passte zu diesem Ort, zu diesem Wetter, zu dieser Erinnerung.

Im Oktober reisen wir wieder in die Normandie. Dann werde ich erneut mit minimalistischem Equipment unterwegs sein.