Wer Lanzarote besucht, entdeckt schnell, dass diese Insel mehr ist als nur Wind, Lava und Licht. Es ist ein Ort, der Künstler anzieht, inspiriert, prägt. César Manrique hat ihm seine architektonische Handschrift gegeben. José Saramago seine literarische Tiefe. Zwar haben sich die beiden großen Söhne ihrer jeweiligen Länder nie persönlich begegnet – und doch begegnen sich ihre Geister auf dieser kargen, kraftvollen Insel.
Ich besuchte Saramagos Wohnhaus in Tías – A Casa, wie es heute genannt wird – mit der Kamera in der Hand und dem Respekt vor einem Schriftsteller, dessen Werke Welten verschieben. Das Ergebnis ist mehr als eine fotografische Dokumentation. Es ist eine stille Verneigung vor einem Werk, das von Verantwortung, Erinnerung und Menschlichkeit durchdrungen ist.
José Saramago – Ein Leben für das Wort
Geboren 1922 in einem kleinen portugiesischen Dorf namens Azinhaga, wuchs Saramago in bescheidenen Verhältnissen auf. Sein Vater war Landarbeiter, seine Mutter Hausfrau. Lesen lernte er früh – schreiben wurde seine Berufung.
Sein Durchbruch kam spät. Erst mit Anfang 60 wurde er international bekannt. 1995 veröffentlichte er Ensaio sobre a cegueira (dt. Die Stadt der Blinden) – eine beklemmende Parabel über den Zerfall von Gesellschaften, über Verantwortung und Mitmenschlichkeit in Extremsituationen. Drei Jahre später erhielt er den Literaturnobelpreis – als erster portugiesischer Autor überhaupt.
Weitere zentrale Werke seines Schaffens sind:
- Memorial do Convento (dt. Das Memorial)
- O Evangelho segundo Jesus Cristo (dt. Das Evangelium nach Jesus Christus)
- As intermitências da morte (dt. Eine Zeit ohne Tod)
- Caim (dt. Kain)
Saramagos Stil ist unverwechselbar: lange Sätze, sparsame Interpunktion, verschachtelte Gedanken – rhythmisch, fast musikalisch. Wer ihn liest, taucht ein. Und vergisst nicht.
Lanzarote – Der Rückzugsort
1993 zog José Saramago mit seiner Frau Pilar del Río nach Tías auf Lanzarote. Nicht aus Luxus, sondern aus Überzeugung. In Portugal war ihm das kulturelle Klima zu eng geworden – sein Roman Das Evangelium nach Jesus Christus hatte für politischen Eklat gesorgt. Auf Lanzarote fand er Ruhe, Licht, Weite – und den Raum, weiterzuschreiben.
Die Fundación José Saramago pflegt heute sein Vermächtnis. Das Haus ist öffentlich zugänglich – aber es fühlt sich nicht wie ein Museum an. Es ist ein Zuhause geblieben. Fast alles ist erhalten: der kleine Garten mit Blick auf Fuerteventura, sein Schreibtisch, die Bibliothek, der Sessel, in dem er las.
Ein Haus spricht
Schon beim Betreten umfängt einen die Stille. Kein Museumstrubel, keine Absperrungen. Stattdessen: Lederstühle, Buchreihen, getrocknete Pflanzen, offene Hefte. Saramagos Arbeitsplatz ist geblieben, wie er ihn verließ: der Laptop, eine alte Olympia-Schreibmaschine, Bücher über Literatur und Philosophie, eine gelbe Ausgabe von La peste (Camus) auf dem Tisch.
Die Bibliothek: beeindruckend. Tausende Bücher – in verschiedenen Sprachen, dicht geordnet, gelebte Gelehrsamkeit. Dazwischen: Erinnerungen, Geschenke, ein Bild Manriques. Ironischerweise ist es eine der wenigen sichtbaren Verbindungslinien zwischen den beiden Männern.
Der Garten – Ein Ort der Betrachtung
Wer durch das Haus tritt, gelangt in den Garten. Die Wege sind mit Vulkanasche bedeckt, Kakteen säumen die Flächen. An einem Ende steht ein einzelner Stuhl – ausgerichtet auf den Horizont. Von dort sieht man das Meer, die Nachbarinsel, das Licht. Man ahnt: Hier saß er. Vielleicht schweigend. Vielleicht schreibend. Vielleicht lauschend.
Der Blick ist offen, weit. Und doch konzentriert sich alles in diesem einen Stuhl. Ich habe ihn fotografiert – gegen das Licht, gegen die Zeit. Es ist eines dieser Bilder, die für mich mehr sagen als viele Worte.
Saramagos Wohnstätte ist zweigeteilt: Das erste Gebäude beherbergt die Bibliothek mit dem Arbeitsplatz – ein Ort der Konzentration und des Studiums. Das zweite, private Haus liegt wenige Meter entfernt. Es umfasst Wohnzimmer, Küche, Schlafzimmer und ein weiteres Büro. Hier sammelte Saramago Kunst: Bücher, Gemälde, Skulpturen, kleine Objekte mit großer Bedeutung. Hier empfing er Freunde, las, diskutierte, lebte. Und hier starb er – im Jahr 2010, in seinem Bett, begleitet von seiner Frau Pilar. Die Räume sind schlicht, warm, durchdrungen von Würde und Stille. Kein Pathos – nur das gelebte Leben eines Denkers.
Kunst auf Lanzarote – Ein stilles Echo
Manrique, der große Raumkünstler, und Saramago, der wortmächtige Erzähler – sie teilten den Glauben an die Verantwortung des Künstlers. Beide waren sie politische Menschen, Kämpfer gegen den Ausverkauf ihrer Kultur. Manrique sprach durch Formen und Landschaften, Saramago durch Geschichten. Beide verbanden Kunst mit Ethik.
Dass sie sich nicht trafen, bleibt eine Leerstelle. Doch in gewisser Weise begegnen sie sich in den Herzen derer, die auf Lanzarote mit offenen Augen gehen – und vielleicht irgendwann nach Tías fahren. Wer dort sitzt, auf der Veranda, mit einem Espresso, hört den Wind, das Licht, das Flüstern der Bücher. Vielleicht beginnt man zu schreiben.
Technisches
Alle hier gezeigten Bilder entstanden mit einer Canon EOS R5, teils mit dem RF 15-35mm f/2.8L IS USM. Die Innenräume fotografierte ich bei natürlichem Licht, meist mit ISO 800–1600, Blende f/2.8. Die Schwarzweißbilder wurden bewusst als Gegenstück gewählt: um Ruhe zu finden.
Die Bildstrecke zeigt:
- den Stuhl mit Blick auf Fuerteventura
- die Bibliothek mit Saramagos Arbeitsplatz
- den Garten
- private Räume mit originalen Gegenständen
- Porträt von Saramago (100 Jahre)
Fazit
Saramagos Haus ist kein Ort der Nostalgie, sondern ein Ort der Präsenz. Es lebt weiter – in seinen Büchern, in seinen Gedanken, in der Weite Lanzarotes. Wer Literatur liebt, wer Fragen stellt, wer nach Stille sucht: Hier ist ein Ort für dich.
Weitere Informationen:
- Fundación José Saramago: https://www.josesaramago.org
- Besuchszeiten: Mo–Fr 10–14 Uhr (Stand 2025)