Die Leica M11 und die Leica M11 Monochrom gehören zu den faszinierendsten Messsucherkameras unserer Zeit. Mit 60 Megapixeln, modernem Sensor-Design und Hybrid-Verschluss bieten sie enorme Bildqualität – und stellen Fotografen doch vor ein unerwartetes Problem: Microshake oder minimale Verwacklung. Ich selbst wundere mich oft über ganz leicht verwackelte Aufnahmen im Bereich zwischen 1/30 und 1/125, die analog und bei älteren Ms bisher keinerlei Problem darstellten. Auch andere Anwender berichten von Verwacklern bei eigentlich sicheren Zeiten wie 1/125 s.

Dieser Artikel erklärt, warum die M11 anfällig für solche Verschlussverwacklungen ist, welche Rolle Shutter Lag und Rolling Shutter spielen – und wie sich Verwacklungen zuverlässig vermeiden lassen. Ein Problem, das bei vielen hochauflösenden Kameras vorliegt und über das man selten bis überhaupt nicht liest.

Leica M11 Microshake: Woher kommen Verwackler?

Die Leica M11 misst die Belichtung über den Sensor. Während der Messung steht der Verschluss offen, anders als bei den digitalen Vorgängermodellen. Beim Auslösen passiert daher ein zusätzlicher Ablauf:

  • Der Verschluss ist für die Messung offen.
  • Er schließt sich kurz vor der Belichtung.
  • Er öffnet erneut für die eigentliche Aufnahme.
  • Zum Schluss schließt er wieder.

Dieses **Schließen–Öffnen–Schließen** erzeugt einen kleinen mechanischen Impuls. In der Praxis können diese Verschlussbewegungen bei Zeiten zwischen 1/60 und 1/180 Sekunde als *Microshake* sichtbar werden.[^1][^2]

Shutter Lag bei der M11

Durch den besonderen Ablauf verlängert sich der sogenannte Shutter Lag der Leica M11. Tests und Diskussionen zeigen: Die M11 löst mit ca. 64 ms Verzögerung aus, während die Leica M10-R bei rund 47 ms liegt.[^3][^4]

Das klingt nach einem kleinen Unterschied, hat aber spürbare Folgen: Fotografen senken die Kamera manchmal zu früh ab oder erzeugen minimalen Handshake, bevor die Belichtung tatsächlich beginnt – sichtbar vor allem bei 60 Megapixeln.

M11 Shuttershake

Ohne Zoom-In sehen die meisten Bilder scharf aus… (Die Blendenangabe ist falsch, es handelt sich um f8).

M11 Shuttershake 100% Ansicht

… in der 100% Ansicht sieht man deutlich die fehlende Schärfe.

Elektronischer Verschluss: kein Allheilmittel

Die Leica M11 bietet eine elektronische Verschlussfunktion bis 1/16000 s, die mechanische Impulse vermeidet. Gleichzeitig wird der Sensor rolling (zeilenweise) ausgelesen; die Auslese dauert in der Praxis etwa 100 ms (rund 1/10 s). Bewegungen von Motiv oder Kamera während dieser Zeit können zu Rolling-Shutter-Verzerrungen, zusätzlicher Bewegungsunschärfe und unter Kunstlicht auch zu Banding führen.

Das bedeutet: Der elektronische Verschluss eliminiert shutterbedingte Erschütterungen, verhindert jedoch keine Verwacklungen durch Kamerabewegung während der Belichtung bzw. der Sensor-Auslese.[^5]

Nutzerberichte: Verwacklungsprobleme in der Praxis

In Leica-Foren und Erfahrungsberichten häufen sich Hinweise:

  • Verwacklungen werden im mechanischen Modus auch bei Belichtungszeiten um 1/125 s bis 1/180 s berichtet.
  • Mit elektronischem Verschluss erscheinen ruhende Motive in der Regel scharf, während bewegte Motive häufig Rolling-Shutter-Artefakte zeigen.
  • Serienaufnahmen zeigen dabei häufig ein wiederkehrendes Muster: erstes Bild leicht unscharf, folgendes scharf, danach erneut geringe Unschärfe – ein typisches Indiz für Mikroshake.[^6][^7]

Diese Feldbelege sprechen dafür, dass es sich weniger um Einzelfälle oder Defekte handelt, sondern um ein systembedingtes Verhalten der Leica M11 unter bestimmten Aufnahmebedingungen.

Warum 60 MP Verwackler sichtbarer machen

Der Sensor der Leica M11 hat 9528 × 6328 Pixel, 60,3 Megapixel und einen Pixelpitch von nur 3,76 µm.[^8] Schon kleinste Bewegungen führen deshalb zu sichtbaren Verwacklungen.

Bei Kameras mit 24 oder 40 MP wäre dieselbe Bewegung fast unsichtbar geblieben. Deshalb wird das Mikroshake-Phänomen mit der M11 besonders stark wahrgenommen.

Leica M11 Monochrom: Mikroshake identisch

Die M11 Monochrom nutzt denselben Sensor ohne Farbfilter, aber mit identischem Pixelpitch. Mechanik und Verschlussprinzip sind gleich – daher tritt Microshake hier in genau derselben Form auf.[^9]

Microshake oder Shutter Shock? Unterschiede

  • Microshake (Mikroshake): minimale Bewegungen durch Verschlussimpuls im kritischen Zeitbereich.
  • Shutter Shock: stärkere mechanische Vibrationen, meist durch den ersten Vorhang ausgelöst.
  • Rolling Sutter: Verzerrungen durch zeilenweise Auslese beim elektronischen Verschluss.

Die Leica M11 kombiniert Aspekte von Microshake *und* Rolling Shutter – ein Grund, warum das Thema in der Community intensiv diskutiert wird. Verstärkt kommt die Tatsache hinzu, dass die M11 keine Bildstabilisierung bietet und sich Probleme verstärken können.

Verwacklungsprobleme bei 1/60 bis 1/250 Sekunde

Die kritische Zone liegt genau dort, wo viele Fotografen normalerweise arbeiten:

  • Street Photography bei 1/125 s.
  • Reportage bei 1/250 s.
  • Porträts bei 1/60–1/125 s.

Hier treten Verschlussverwacklungen besonders häufig auf. Mit kürzeren Zeiten (1/500 s und schneller) oder sehr stabiler Haltung verschwindet das Problem fast vollständig.[^6]

Praxisempfehlungen gegen Verwackler

1. Hybrid-Shutter aktivieren

   Der Hybrid-Verschluss nutzt mechanisch bis 1/4000 s und elektronisch nur darüber – die beste Grundeinstellung.[^2]

2. Auto-ISO Mindestzeit konservativ einstellen

   Klassisch gilt 1/Brennweite. Für 60 MP ist besser: 1/(2·f) bis 1/(3·f).

  • 28 mm → 1/125–1/250 s
  • 35 mm → 1/200–1/250 s
  • 50 mm → 1/250–1/500 s[^10]

3. Serienbildmodus nutzen

   Kurze Bursts mit 3–5 Bildern erhöhen die Chance auf ein knackscharfes Bild. Oft ist das Mittlere am besten.[^7]

4. Saubere Haltung und Auslösetechnik

   Ellbogen anlegen, Kamera nicht sofort absenken, Auslöser durchziehen.

5. Elektronischen Verschluss gezielt einsetzen

   Nur für statische Motive im hellen Licht. Bei Bewegung oder Kunstlicht drohen Rolling Shutter und Banding.[^5]

6. Auflösung anpassen

   Wer 60 MP nicht braucht, kann in die 36-MP- oder 18-MP-Modi wechseln. Die Verwacklungstoleranz steigt spürbar.[^8]

Brennweiten, Gewicht und Verwacklung

Je länger die Brennweite, desto größer der Verwackler. 50 mm ist daher anfälliger als 28 mm.

Zudem hat die silberne M11 ein höheres Gewicht als die schwarze Version, die M11M liegt dazwischen. Schwerpunkt und Handling können individuell den Unterschied machen.[^8][^9]

Unterschiede zur Leica M10-R

Die M10-R gilt schon als „kritischer“ in Bezug auf Verwacklung, doch die M11 legt noch einmal nach. Gründe:

  • Zusätzlicher Verschlusszyklus wegen Sensor-Messung,
  • 60 MP statt 40 MP,
  • Auslöseakustik, die zum frühen Absenken verleitet.[^3][^6]

Fazit: Kein Defekt, sondern Physik

Das Verwacklungsproblem der Leica M11 ist kein Fehler, sondern eine Konsequenz aus Design und hoher Auflösung.

Wer die Hintergründe kennt, kann mit konservativen Verschlusszeiten, Hybrid-Modus und sauberer Technik gestochen scharfe Ergebnisse erzielen – ohne dass Microshake oder Shutter Shock zum Frustfaktor werden.

Quellen

[^1]: Leica Camera AG, *Leica M11 Instructions*, PDF-Handbuch.

[^2]: Macfilos Review, technische Erklärung zum Messprinzip und Hybrid-Modus.

[^3]: Leica Forum, Diskussion zum Shutter-Lag M11 vs. M10-R.

[^4]: Leica Forum, Nutzerberichte zur verlängerten Auslöseverzögerung.

[^5]: Diglloyd, *Leica M11 sensor transit time* – ca. 1/10 s Auslesezeit.

[^6]: Leica Forum, Thread *M11 camera shake vs. M10-R*.

[^7]: Leica Forum, Thread *M11 Motion blur is driving me crazy*.

[^8]: Leica Camera AG, technische Datenblatt M11 (60 MP, Pixelpitch 3,76 µm).

[^9]: Leica Camera AG, technische Datenblatt M11 Monochrom.

[^10]: Erfahrungsberichte in Leica-Foren, Diskussion zu Auto-ISO-Mindestzeiten.

LeicaM11M-Shuttershake-Verwacklung-09

Übersicht des Shuttershake Bild: Scharf.

Erste Aufnahme bei 100%. Shuttershake.

Zweite Aufnahme: alles scharf.