Das zweite Halbjahr war geprägt von viel Arbeit, einer Reise nach Buchenwald und einem Besuch bei Leica. In meinem Archiv stieß ich auf Negative einer Reise nach Marrakesch aus dem Jahr 2011, die ich digitalisierte – und endlich fand ich auch Zeit, das Leica Thambar zu testen. Zunächst ausschließlich in Schwarzweiß, doch das wird sich im kommenden Sommer ändern.
Auch die Literatur kam nicht zu kurz. Ich stelle heute einige Bücher vor, die unterschiedlicher kaum sein könnten: Darunter ein Klassiker von Dr. Wolff über seine Erfahrungen mit der Leica sowie ein bemerkenswertes Werk, das als Dissertation entstand – eine kritische Auseinandersetzung mit dem Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann.
Im kommenden Quartal rückt – endlich – mein Urlaub näher. Für mich und meine Familie geht es nach Mallorca. Die Insel bereise ich nach vielen Jahren erneut, weit ab vom Ballermann. Damals war ich mit einer großen Rollei-6008-Ausrüstung, Stativ und zahlreichen Filmen unterwegs. Dieses Jahr wird es eine Leica sein, samt Thambar, 28 mm und 50 mm. Man wird nicht jünger und meine damals angefertigten und mehrfachgetonten Barytabzüge liegen in Schachteln – es fehlt mir somit die Motivation mit schwerem Gepäck erneut für die Schachtel zu printen.
Zum Leidwesen aller analog arbeitenden Fotografen setzt der Flughafen Palma seit Jahresbeginn konsequent auf CT-Scanner, die sämtlichen Film – ohne Möglichkeit zur Handkontrolle – beschädigen können. Von anderen Fotografen weiß ich, dass der Wunsch nach manueller Kontrolle dort oft abgelehnt wird. Ein echtes Dilemma, für das ich bisher keine endgültige Lösung gefunden habe.
Entweder setze ich diesmal ganz auf die Digitalfotografie – oder ich nehme die M6 mit und schicke mir die belichteten Filme per UPS direkt ins Labor. Noch bin ich unentschlossen.
Roger Willemsen – Unterwegs
Roger Willemsen, der letzte große Flaneur des deutschen Feuilletons, war nie Tourist – sondern immer Teilzeitmensch, Vollzeitbeobachter. In „Unterwegs. Vom reisen“ nimmt er uns mit auf eine Sammlung seiner eigenwilligen Reisen: mal zum Hindukusch, mal ins Bordell, dann wieder in den Bundestag – und immer mitten ins Leben.
Willemsen reiste nicht, um anzukommen. Er reiste, um zuzuhören, zu hinterfragen, zu staunen – und zu schreiben. Das Buch ist ein wildes, feinsinniges Mosaik, das keine Reiseroute braucht, weil der Reisende selbst das Ziel ist. Er beobachtet Flughäfen wie ein Ethnologe, lauscht Taxifahrern wie einem antiken Orakel und zitiert beiläufig Proust, ohne jemals prätentiös zu wirken.
Sein Stil? Willemsenisch. Das ist ein bisschen wie Loriot auf Bildungsreise, mit einem Hang zum Dadaismus und der Sprachgewalt eines Thomas Mann im Handgepäck.
Willemsen war nie zynisch. Er stand über den Dingen ohne übermenschlich zu wirken. Sein Humor, seine Art und seine allumfassende Gabe dem Menschen gewidmet, findet in diesem Buch einen weltumfassenden Spannungsbogen.
Wenn man heute noch wissen will, wie man klug, witzig und menschlich über die Welt schreiben kann, dann ist dieses Buch Pflichtlektüre. Es ist kein Reisebuch im klassischen Sinne – es ist eine Liebeserklärung an das unterwegs Sein im Kopf, im Zug, im Leben.
Wer liest, lacht. Und wer lacht, versteht: Der Verlust von Roger Willemsen ist unersetzlich – aber dieses Buch ist ein wunderbarer Trost.
Paul Wolff – Meine Erfahrungen mit der Leica
(Erschienen 1934, Leitz Wetzlar)
Ein Klassiker der frühen Kleinbildfotografie – und ein Manifest gegen den fotografischen Mainstream seiner Zeit.
In „Meine Erfahrungen mit der Leica“ berichtet Dr. Paul Wolff nicht nur über seine technische und gestalterische Arbeit mit der damals revolutionären kleinen Leica-Kamera, sondern auch über eine Haltung zur Fotografie, die heute aktueller denn je wirkt.
Schon zu Beginn kritisiert Wolff, dass „die Welt totfotografiert“ sei. Er meint damit: Alles, was sich leicht ablichten lässt – Sehenswürdigkeiten, Plätze, Bauwerke – ist längst millionenfach aufgenommen worden. Wer fotografiert, solle sich nicht der Masse anschließen, sondern suchen, entdecken, sehen lernen. Postkarten seien für das Bekannte da. Die Kamera dagegen solle auf das Ungesehene gerichtet werden.
Im Zentrum steht dabei seine kleine Leica – eine Kamera, die zu dieser Zeit noch von vielen Großformat-Fotografen verspottet wurde. Für Wolff ist sie hingegen ein Werkzeug der Freiheit: klein, schnell, immer dabei, ideal für Beobachtung, für Licht, für Bewegung. Er beschreibt sie nicht nur als technisches Gerät, sondern als Partner in der künstlerischen Arbeit.
Wolff schildert seine Erfahrungen mit Belichtung, Lichtführung, dem Einsatz von Filmempfindlichkeiten und Objektiven – alles mit Begeisterung, aber auch mit einem tiefen Bewusstsein für die Verantwortung des Fotografen. Für ihn ist das Bild keine bloße Abbildung, sondern eine Entscheidung, ein Akt des Sehens.
Ein Buch, das – trotz seines Alters – überraschend modern wirkt. Paul Wolff liefert keine Anleitung im technischen Sinn, sondern eine fotografische Philosophie: individuell sehen, mit der Kamera beobachten, gegen den Strom denken. Ein echtes Fundstück aus dem Antiquariat – und ein leiser Aufruf an alle, die heute wieder analog, bewusst und mit Haltung fotografieren wollen.
Kate – The Kate Moss Book
Im Antiquariat entdeckt – und sofort ein Schatz: Kate – The Kate Moss Book ist kein gewöhnlicher Bildband, sondern eine visuelle Biografie einer Ikone. Hochwertig gebunden, mit einem signierten Print – ein Sammlerstück von Format und Substanz.
Das Buch dokumentiert den beispiellosen Aufstieg von Kate Moss, die bereits mit Mitte 20 zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten der Modewelt wurde.
Es zeigt nicht nur ihre bekanntesten Editorials, Kampagnen und Laufstegauftritte, sondern auch intime, persönliche und teils erotische Fotografien – viele davon aus einer Ära, in der noch auf Film fotografiert wurde. Und genau das macht dieses Werk so besonders.
Kontaktabzüge, Abnutzungen, handschriftliche Vermerke – dieses Buch verströmt den Geist der analogen Modefotografie und gewährt einen seltenen Blick hinter die Kulissen einer schillernden Karriere. Kate Moss, mal inszeniert, mal ungeschminkt. Nie aufdringlich, immer stilvoll.
Entstanden in enger Zusammenarbeit mit Moss selbst, kuratiert von Freunden, Wegbegleitern und führenden Fotografen wie Mario Testino, Corinne Day, Juergen Teller oder Hedi Slimane, ist das Buch eine Hommage an ein Lebensgefühl – cool, rau, elegant.
Kate – The Kate Moss Book ist mehr als ein Modebuch. Es ist ein Stück fotografischer Zeitgeschichte, ein intimes Archiv der analogen Ästhetik der 90er und frühen 2000er – und ein Geschenk für alle, die Schönheit nicht in Perfektion, sondern in Haltung erkennen. Ein Buch zum Blättern, Staunen und Verweilen.
Sebastian Peters – Hitlers Fotograf: Heinrich Hoffmann. Der Mann, der den „Führer“ verkaufte
Dieses Buch ist weit mehr als eine Biografie eines Mannes hinter der Kamera. Es ist ein scharfer, faktenreicher Blick auf das perfide Zusammenspiel von Propaganda, Macht und Inszenierung im Dritten Reich – erzählt am Beispiel von Heinrich Hoffmann, dem langjährigen Hoffotografen Adolf Hitlers.
Hoffmann war nicht nur ein Bildlieferant. Er war ein Vertrauter, Strippenzieher, Geschäftspartner und Mittäter, der half, das Bild vom „Volksnahen Führer“ zu kreieren – durch minutiös gesteuerte Bildsprache, durch heroische, nahbare oder erhabene Posen. Er kannte Hitler so nah wie kaum ein anderer – auch privat.
Ein besonders brisanter Aspekt: Das Buch greift auch die Beziehung zwischen Hitler und Geli Raubal auf – seiner Halbnichte, mit der er in den 1920er-Jahren eine obsessiv wirkende, vermutlich intime Beziehung hatte. Die junge Frau lebte zeitweise bei Hitler in der Prinzregentenstraße und nahm sich 1931 im Alter von 23 Jahren das Leben – mit seiner Waffe.
Peters beleuchtet, wie Hoffmann durch seine Nähe zu Hitler auch Einblick in diese Beziehung hatte – und wie Gelis Suizid Hitlers Verhältnis zu Frauen und Öffentlichkeit tief beeinflusste. Es war ein Bruch, der den späteren Führerkult mitformte. Eva Braun, Hoffmanns damalige Angestellte, trat erst später in sein Leben – auch sie wurde durch Hoffmann eingeführt.
Das Buch zeigt, wie stark Bilder als Machtmittel dienten, wie die Kontrolle über Hitlers Darstellung staatspolitisch wichtig war – und wie sehr Hoffmann davon finanziell und ideologisch profitierte. Nach dem Krieg wurde er verurteilt, aber nie vollständig zur Verantwortung gezogen.
Ein schonungsloses, fundiert recherchiertes Buch über einen Mann, der aus dem Schatten der Geschichte tritt – und zeigt, dass nicht nur die Täter, sondern auch ihre Bildregisseure für das Desaster des 20. Jahrhunderts mitverantwortlich waren. Wer verstehen will, wie Propaganda funktioniert, findet hier ein Lehrstück. Fotografisch sehr wichtig die kleine Leica: Für Hoffmann tat sich eine neue Welt der Reportage auf! Kleine Platten mehr schleppen, sondern das tägliche Leben sofort und einfach festhalten. Lesenswert!
Erich Kästner – Fabian. Die Geschichte eines Moralisten
Fabian erzählt die Geschichte des arbeitslosen Germanisten Dr. Jakob Fabian, der im Berlin der späten Weimarer Republik durch das Leben treibt – ironisch, beobachtend, immer mit einem Rest Anstand in einer zunehmend haltlosen Welt.
Berlin ist ein Sittenpanoptikum aus Vergnügungssucht, Arbeitslosigkeit, politischer Radikalisierung und moralischem Verfall. Fabian bleibt lange Zuschauer, verweigert sich dem Mitmachen – bis ihn das Leben zwingt, Haltung zu beziehen. Als sein idealistischer Freund Labude scheitert und sich das Leben nimmt, beginnt Fabian zu handeln. Doch sein moralisches Erwachen kommt zu spät. Am Ende stirbt er, als er versucht, ein Kind zu retten – in einem Fluss, den er selbst nie betreten wollte.
Ein hoch literarisches Meisterwerk. Ideal für die tiefe, aber kurzweilige Unterhaltung.
Im Moment lese und betrachte ich das Buch Rainchild von Machiel Botman. Es enthält wunderbare, emotionale Bilder voller Tiefe – selbstverständlich analog aufgenommen. Ich habe inzwischen mehrere Werke von ihm über das Antiquariat erwerben können. Viele seiner Bücher besitzen bereits Sammlerstatus.
An dieser Stelle interessiert mich Ihre Meinung:
Soll ich meine bisherigen Vorstellungen beibehalten – oder den Fokus künftig stärker auf Bildbände legen, insbesondere auf seltene Ausgaben mit Originalabzügen?
Danke für diese interessanten Inspirationen.