Dieses Shooting entstand im vergangenen Oktober. Über die polnische Modelagentur MD Models buchte ich Sofia (@ssofimeow auf Instagram), eine 24-jährige Ukrainerin. Wir trafen uns bei mir im Labor, wo ich zwei Räume zugleich als Atelier nutze. Draußen war es bereits empfindlich kühl, das Licht knapp und flach, und vielleicht passte gerade diese zurückgenommene Stimmung zu dem, was ich fotografieren wollte. Binnen zweier Stunden entstand eine kleine Serie über Sinnlichkeit, Ruhe und eine leise Form von Erotik; bewusst als Gegenentwurf zu einer politisch vollkommen aufgeheizten Gegenwart.

Ein festes Konzept gab es an diesem Nachmittag nicht. Vielleicht war gerade das entscheidend. Im Raum lagen Bücher, die mich seit Langem begleiten: Ralph Gibsons NUDE und Saul Leiters In My Room. Nicht als Vorlagen, die es nachzustellen galt, sondern eher als leise Begleiter, als Erinnerung daran, wie wenig ein Bild manchmal braucht. Eine Schulter im Licht, ein Blick, der für einen Moment bei der Kamera bleibt, eine Bewegung, die sich nicht wiederholen lässt. Von Gibson vielleicht die Konzentration auf Körper, Fläche und Form, von Leiter die Intimität des privaten Raumes und dieses stille Gefühl, dass ein Bild nicht laut werden muss, um etwas zu erzählen.

So entwickelten sich die Aufnahmen beinahe von selbst. Sofia bewegte sich durch den Raum, wechselte zwischen Bett, Fenster und Spiegel, nahm ein Buch zur Hand, setzte sich auf den Boden, stand wieder auf. Manche Haltungen waren verspielt, andere zurückgenommen, einige nur für wenige Sekunden da. Ich wollte diese Flüchtigkeit nicht korrigieren. Mich interessierten gerade die kleinen Übergänge, jene Augenblicke, in denen eine Pose aufhört, Pose zu sein und etwas Eigenes entsteht. Das ist meine Arbeitsweise bei jedem Shooting.

Entscheidend dafür war das Vertrauen zwischen uns. Gerade bei einer solchen Serie ist die technische Seite nur ein Teil der Arbeit. Nähe lässt sich nicht erzwingen, und Intimität entsteht nicht dadurch, dass man die Kamera näher an einen Menschen heranträgt. Sie entsteht vielmehr in dem Moment, in dem das Model die Kamera nicht mehr als Beobachter empfindet und der Fotograf aufhört, jede Geste kontrollieren zu wollen. Im Laufe des Shootings wurde dieser Abstand immer kleiner. Nicht räumlich, sondern fotografisch. Sofia ließ Nähe zu, ohne dass die Bilder dadurch ihre Ruhe verloren. Ihr Blick in die Kamera wirkt deshalb nicht ausgestellt oder herausfordernd, sondern selbstverständlich, manchmal neugierig, manchmal fast abwesend. Genau darin liegt für mich die Stärke vieler Aufnahmen dieser Serie. Sofia ist ein Model, das aufgrund der Umstände und der Flucht aus der Ukraine in Europa unterwegs ist und in den wenigen Monaten, die seit unserem Shooting vergangen sind, viele großartige Bilder sammeln konnte.

Ich wollte ausschließlich mit vorhandenem Licht arbeiten. An diesem Oktobertag war davon allerdings nicht viel übrig; durch die Fenster fiel nur ein blasser Rest des Tages, der die Räume eher streifte als erhellte. Die Empfindlichkeiten lagen häufig bei ISO 3200 und darüber, sodass ich diesmal auf meine digitale Ausrüstung zurückgriff. Im Nachhinein war das vielleicht sogar ein Vorteil. Das wenige Licht zwang mich dazu, langsamer zu arbeiten, genauer hinzusehen und auf alles zu verzichten, was diese Bilder nicht brauchten. Licht wurde nicht zum Mittel, um etwas vollständig sichtbar zu machen, sondern um Dinge verschwinden zu lassen: Teile des Körpers, Konturen, Räume, manchmal fast ein ganzes Gesicht.

Gerade daraus entstand die erotische Spannung der Serie. Sie zeigt wenig offen und deutet vieles nur an. Für mich liegt Erotik ohnehin weniger im vollständigen Zeigen als im Verbergen, im Wechsel von Nähe und Distanz, in einer Bewegung, die nicht zu Ende erzählt wird. Ein Körper kann im Schatten verschwinden und dadurch gegenwärtiger sein als in einer vollkommen ausgeleuchteten Aufnahme. Das Erotische bleibt hier deshalb meist verdeckt, ruhig und beiläufig. Die Bilder wollen nicht provozieren und schon gar nicht pornografisch sein; sie leben vielmehr von Andeutung, Vertrauen und dem Raum, den sie dem Betrachter für seine eigene Wahrnehmung lassen.

Nach zwei Stunden war die Serie im Grunde beendet, ohne dass es einen klaren Schlusspunkt gegeben hätte. Das Licht wurde weniger, die Räume dunkler, und irgendwann gab es nichts mehr hinzuzufügen. Vielleicht gefällt mir die Serie gerade deshalb so gut. Sie wirkt nicht wie die Umsetzung eines zuvor festgelegten Plans, sondern wie die Erinnerung an einen Nachmittag, an Licht, an Stille und an eine Begegnung vor der Kamera. Am Ende blieb nicht die Pose, sondern die Nähe – und jene kurze Form von Vertrauen, ohne die solche Fotografien für mich nicht entstehen können. Ich fuhr Sofia zum Bahnhof Düren, wo Sie weiter in Richtung Frankreich reiste. Ihr nächster Termin fand in Paris statt.